Die Leere nach dem Erfolg bringt uns dazu, die wichtigen Fragen zu stellen | Hanni Liang
Backstage Wisdom Podcast • Folge 5
Warum Dogmen und Perfektion nicht genügen - und wie aus Leere und Risiko eine neue künstlerische Freiheit entstehen kann
Ein Debüt in der Elbphilharmonie, als Solistin, mit dem Ersten Klavierkonzert von Franz Liszt. Ein Traum, der wahr wird - und danach die Frage: und jetzt?
Für viele klassische Musiker*innen ist der Weg klar vorgezeichnet: üben, Wettbewerbe, Preise, Konzerte, Agentur. Ein linearer Pfad, an dessen Ende die große Bühne wartet. Doch was passiert, wenn dieses Ziel erreicht ist und sich statt Erfüllung eine überraschende Leere einstellt?
Hanni Liang kennt diesen Moment. Sie wuchs in einer Nicht-Musikerfamilie auf, kam mit acht Jahren zum Klavier, wurde Jungstudentin und legte einen klassischen Weg zurück. Heute ist sie Pianistin, Konzertdesignerin, Dozentin für Konzertdesign an der Hochschule für Musik und Theater München und vielleicht auch eine Art Musik-Aktivistin. Sie traut sich aktiv ins Spannungsfeld von Tradition und Moderne, entwickelt neue und interaktive Konzertformate und spielt ab und an sogar komplett KI-generierte Werke.
Im Gespräch mit Marco Hohner geht es genau um die Fragen, die nach der erklommenen Bergspitze kamen: Warum mache ich eigentlich Musik? Für wen spiele ich? Und was will ich mit meiner Musik in dieser Gesellschaft bewegen?
Wir sprechen über Dogmen und Leistungsdruck in der Klassik, über unsere Komfortzonen als Musiker*innen und wie wir uns über sie hinaus entwickeln können, über Improvisation als Brücke zum Publikum und darüber, was künstliche Intelligenz in der Musik kann - und was sie niemals haben wird. Hanni erzählt sehr offen, wie erst die Talfahrt nach dem großen Erfolg zu den wirklich wichtigen Fragen in ihrem Musikerleben geführt hat und wie sie dadurch zu einer ganz neuen Freiheit gefunden hat.
🎧 Du möchtest das ganze Gespräch hören? Hier kannst du die Backstage Wisdom Podcastfolge direkt anhören.
«Es gibt kein Richtig und Falsch. Es gibt einfach nur diesen Impuls von dir in dem Moment – und das ist das Ehrlichste, was du geben kannst.".»
— Hanni Liang, Klassische Pianistin und Konzertdesignerin
Key Takeaways
Die Leere nach dem erreichten Ziel ist kein Scheitern, sondern der Moment, in dem die wichtigen Fragen endlich Platz finden
Wenn der Traum, für den man jahrelang gearbeitet hat, plötzlich wahr geworden ist und danach nicht Erfüllung, sondern eine unerwartete Talfahrt folgt, beginnt oft erst die eigentliche Suche - nach dem Warum hinter der Musik, nach der eigenen Aufgabe und nach einem Weg, der nicht mehr von außen vorgezeichnet ist.
Echte Begegnung im Konzert entsteht erst dort, wo Musiker*innen bereit sind, sich selbst verletzlich zu zeigen
Wer die Kontrolle abgibt und sich wirklich in die Hand des Publikums begibt, riskiert zwar, dass etwas misslingt - schafft aber genau dadurch einen Raum, in dem sich auch die Menschen im Saal öffnen und teilen, was sie sonst vielleicht für sich behalten hätten.
Künstliche Intelligenz kann komponieren, aber ihr fehlt die Notwendigkeit, sich auszudrücken
Eine KI kann alles verarbeiten, was wir ihr geben, und daraus Neues erzeugen - was sie nicht besitzt, sind die gelebten Erfahrungen von Generationen und der innere Antrieb, zu fragen, warum wir das hier gerade tun, und genau darin liegt wohl das Menschliche in der Musik.
Der Deep Dive
Die Leere nach dem Erfolg – und was sie freilegt
Hanni Liangs Weg beginnt fast klassisch unspektakulär: Sie wächst in einer Familie ohne Musiker*innen auf, fängt mit acht Jahren Klavier an, weil eine Schulfreundin das auch wollte – und bleibt hängen, während die Freundin irgendwann aufhört. Es folgt der bekannte Pfad: erste Jahre voller Etüden und Technikübungen, Jungstudentin, ein Klavier- und parallel dazu ein Medienmanagement-Studium. Und dann, mit Anfang 20, der Moment, auf den alles hingearbeitet hatte: das Debüt in der Elbphilharmonie, als Solistin, mit Franz Liszts Erstem Klavierkonzert und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Ein Traum, der wahr wird.
Was danach kommt, überrascht sie selbst. Keine Erfüllung, kein Ankommen – sondern eine Frage, die sich einfach nicht mehr wegschieben lässt: Und jetzt? Warum mache ich das eigentlich? Diese Phase beschreibt sie nicht als einen einzelnen Knall, sondern als etwas, das sich über Monate und Jahre langsam aufgebaut hat. Begegnungen mit Menschen außerhalb der klassischen Musikwelt – etwa durch ihre Arbeit mit dem Kulturprojekt Tonali – spielen dabei eine große Rolle. Nicht, weil ihr jemand eine fertige Antwort liefert, sondern weil sich durch den Austausch mit Nicht-Musiker*innen langsam etwas verschiebt.
Interessant ist dabei, wie sie selbst diesen Prozess einordnet: nicht als Horizontverschiebung, sondern als Horizonterweiterung. Der Unterschied ist klein, aber entscheidend. Nichts von dem, was vorher wichtig war – die Musik, das Instrument, die Hingabe an das Werk – verliert seinen Wert. Es kommt einfach mehr dazu. Genau in diesem Punkt widerspricht sie auch dem, was sie selbst als „Dogma“ bezeichnet: die unausgesprochene Regel, dass eine ernsthafte Musikerin sich ausschließlich der Musik widmen darf und alles andere – ein zweites Studium, andere Interessen, eine andere Perspektive – ihre künstlerische Ernsthaftigkeit infrage stellt. Dieses Dogma, sagt sie, wird zum Teil von außen vermittelt – durch Wettbewerbe, durch Vergleiche, durch das, was als Erfolg gilt – und zum Teil verinnerlicht man es selbst.
Was aus ihrer Geschichte bleibt, ist eine Beobachtung, die vermutlich viele Musiker*innen nach dem Erreichen eines großen Ziels teilen: Die Leere, die sich nach dem Gipfel einstellt, ist kein Zeichen dafür, dass etwas schiefgelaufen ist. Sie ist oft der erste ehrliche Moment, in dem die eigentlich wichtigen Fragen überhaupt Raum bekommen – weil vorher schlicht keine Zeit dafür war.
Die Leere nach dem erreichten Ziel ist kein Scheitern, sondern der Moment, in dem die wichtigen Fragen endlich Platz finden.
Verletzlichkeit als Voraussetzung für echte Begegnung
Aus der Frage nach dem Warum entsteht bei Hanni Liang ein ganzes Arbeitsfeld: Konzertdesign. Der Begriff klingt zunächst technisch, meint aber etwas sehr Persönliches – das bewusste Hinterfragen jedes einzelnen Elements eines Konzerts, ausgehend von einer einzigen Frage: Warum stehe ich heute Abend, an diesem Ort, vor diesem Publikum, auf der Bühne? Manchmal führt diese Frage dazu, dass ein Konzert am Ende ganz traditionell bleibt – und das ist für sie genauso legitim, solange es eine bewusste Entscheidung ist und keine unreflektierte Gewohnheit.
Wie weit dieser Gedanke gehen kann, zeigt ein Konzert, das sie beim Edinburgh International Festival gab, unter dem Titel „Dreams“. Vorbereitet hatte sie gerade einmal vier Minuten Musik – Debussys „Rêverie“. Das gesamte Konzert sollte 75 Minuten dauern. Die restlichen 71 Minuten entstanden live, als Improvisation über Träume, die das Publikum während des Konzerts über ein iPad im Saal teilte – als Text, Zeichnung oder Wort. Kein Skript, keine Kontrolle darüber, was passieren würde.
Um sich darauf vorzubereiten, nahm sie ein halbes Jahr lang wöchentlich Kompositionsunterricht bei einer befreundeten Komponistin – nicht, weil ihr das musikalische Handwerk fehlte, sondern weil ihr die Anwendung fehlte: das freie Improvisieren im Stil Debussys, ohne Noten, ohne Netz. Sie beschreibt sich selbst dabei als Anfängerin, die sich vorstellen musste, wie sich Bewegungen anfühlen würden, die sie theoretisch längst verstanden hatte. In den Monaten vor dem Konzert habe sie kaum noch andere Stücke unbefangen spielen können – ihr Kopf war permanent bei diesem einen Abend.
An dem Abend selbst, sagt sie, sei sie zu hundert Prozent abhängig vom Publikum gewesen. Sie wusste nicht, ob überhaupt jemand seine Träume teilen würde, und wenn ja, was. Genau in dieser Unsicherheit liegt für sie der eigentliche Punkt: Wer sich als Künstler*in wirklich öffnet und angreifbar macht, schafft damit erst den Raum, in dem sich auch das Publikum öffnet. Die Menschen im Saal teilten an diesem Abend teils sehr persönliche, private Gedanken – etwas, das ohne dieses gegenseitige Risiko nie passiert wäre.
Diese Beobachtung lässt sich auf den Alltag jeder Musikerin, jedes Musikers übertragen, auch ohne 71 Minuten freie Improvisation. Es geht um die Bereitschaft, den vertrauten Rahmen – das einstudierte Programm, die sichere Routine – ab und zu zu verlassen, wohlwissend, dass dabei auch etwas misslingen kann. Genau dieses Risiko, sagt sie, gehört zur Fehlerkultur, an der wir als Musiker*innen wie als Gesellschaft gemeinsam arbeiten dürfen.
Echte Begegnung im Konzert entsteht erst dort, wo Musikerinnen bereit sind, sich selbst verletzlich zu zeigen.*
Künstliche Intelligenz: Werkzeug, kein Ersatz
Wer mit neuen Konzertformaten arbeitet, kommt an einem Thema kaum vorbei: künstliche Intelligenz. Hanni Liang begegnet dem Thema auffallend unaufgeregt – ohne Berührungsängste, aber auch ohne naive Euphorie. Sie beschreibt es als etwas, dem man sich stellen muss, weil es ohnehin Teil unserer Zeit ist, und arbeitet unter anderem mit Ali Nikrang zusammen, der an der Musikhochschule München selbst KI-Systeme zur Musikkomposition entwickelt. Gemeinsam untersuchen sie, welche Rolle künstliche Intelligenz in unterschiedlichen Rollen einnehmen kann – als Werkzeug, als Mitkomponistin, manchmal auch als Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung selbst.
Besonders spannend wird es, wenn sie den Vergleich zieht zwischen KI-Komposition und menschlichem Schaffen: Auch Musiker*innen, sagt sie, erfinden nie wirklich etwas völlig Neues aus dem Nichts. Wir verarbeiten alles, was wir je gehört und gespielt haben, zu etwas Eigenem – ein Schmelztiegel aus Einflüssen. Im Kern unterscheidet sich das kaum davon, wie eine KI mit den Datensätzen arbeitet, die man ihr füttert.
Der entscheidende Unterschied liegt für sie woanders: KI verfügt nicht über die gelebten Erfahrungen von Generationen, die unbewusst weitergegeben werden. Und sie kennt keine Notwendigkeit, sich auszudrücken – keinen inneren Antrieb, zu fragen, warum man gerade jetzt genau dieses Stück spielt oder komponiert. Diese Suche nach dem Warum, die auch ihr eigenes Musikerleben durchzieht, lässt sich aus Daten allein nicht erzeugen. Und selbst die leistungsfähigste KI braucht am Ende einen Menschen, der sie mit eben diesen Daten füttert.
Statt Abwehr plädiert Hanni Liang deshalb für Auseinandersetzung: KI als Werkzeug zu begreifen, das kreatives Potenzial eröffnen kann, ohne die Frage zu verdrängen, was uns als Musizierende – und als Menschen – eigentlich ausmacht. Live-Musik und die Begegnung im Konzertsaal, davon ist sie überzeugt, werden ihre Bedeutung behalten. Vielleicht sogar erweitert um neue Formen der Zusammenarbeit, die heute noch nach Zukunftsmusik klingen.
Künstliche Intelligenz kann komponieren, aber ihr fehlt die Notwendigkeit, sich auszudrücken.
Drei Fragen zum Mitnehmen
1. Journal-Impuls: Schreib 10 Minuten frei zu der Frage: "Was habe ich gefühlt, als ich mein bisher größtes Ziel erreicht habe?"
2. Konkrete Übung: Lass bei deiner nächsten Probe oder deinem nächsten Konzert bewusst eine kleine Sache dem Zufall — und notiere danach, wie es sich angefühlt hat.
3. Reflexionsfrage: Welche unausgesprochene Regel hast du dir als Musiker*in selbst auferlegt — und wer hat eigentlich gesagt, dass sie stimmt?
Es gibt viel zu entdecken!
Hat dich dieses Gespräch inspiriert?
Im Backstage Wisdom Podcast sprechen wir mit Musikerinnen und Expertinnen über das Leben hinter der Bühne – ehrlich, tiefgründig und ohne einfache Antworten.
Deine Backstage Journey
Du möchtest deinen eigenen Weg als Musiker*in bewusster gestalten?
Wenn dich Themen wie Selbstzweifel, Kreativität, Auftrittsangst oder innere Balance begleiten, findest du auf Backstage Journey auch Informationen zu Marcos Coachingangebot.