KünstlerIn oder DienstleisterIn? | Erik Stenzel über Freiheit und Selbstbestimmung als Musiker
Backstage Wisdom Podcast • Folge 6
Vom Klimaforscher zum Liedermacher – und wie Erik Stenzel sein eigenes Warum und damit seine Freiheit fand
Erik Stenzel hätte Klimaschutzmanager werden können. Excel-Tabellen, ein sicherer Schreibtisch, ein Job mit gesellschaftlicher Relevanz – zumindest auf dem Papier. Stattdessen entschied er sich für etwas, das sich für viele nach dem unsichereren Weg anfühlt: Er wurde Liedermacher.
Erik ist Geograf, hat in seiner Masterarbeit zur Klimatologie geforscht – und dabei erlebt, wie weit wissenschaftliches Wissen und gesellschaftliches Handeln auseinanderklaffen. Aus dieser Kluft ist eine Wut entstanden, die er heute in Musik verarbeitet: mal subtil, mal direkt, aber immer mit einer klaren Haltung. Seit 2020 veröffentlicht er eigene Alben, tourt inzwischen komplett unabhängig – teilweise sogar mit dem Fahrrad! – und hat sich bewusst gegen das klassische Musikbusiness-System entschieden.
Im Gespräch mit Marco Hohner spricht Erik sehr offen über eine Unterscheidung, die ihn bis heute leitet: die zwischen Künstler*in und kreativer Dienstleister*in. Es geht darum, was echten künstlerischen Ausdruck von reiner Nachfrage-Erfüllung unterscheidet, wie er es geschafft hat, aus seiner Wut über Ungerechtigkeit eine tragfähige Karriere zu bauen, und mit welchen ganz konkreten Routinen – Tagebuch, Meditation, radikale Offline-Zeiten – er sich dabei nicht im "Musikersein" verliert, sondern die Verbindung zu sich selbst behält.
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«Ich spiele quasi Lieder, die keiner hören möchte.»
— Erik Stenzel, Liedermacher
Key Takeaways
Künstler*in oder Dienstleister*in? Warum diese Unterscheidung für deinen musikalischen Weg entscheidend ist
Erik unterscheidet in seiner eigenen Arbeit zwischen zwei Haltungen: Wer Musik macht, um eine Nachfrage zu bedienen – Tanzmusik, Trost-Schlager, das nächste virale Format – arbeitet für ihn nachfrageorientiert. Wer Musik macht, um etwas auszudrücken, das aus einem selbst herauswill, ist für ihn Künstlerin. Beides sei legitim, sagt er – aber nur wer die eigene Position kennt, könne bewusst entscheiden, welchen Weg er gehen will.
Dein Warum ist stärker als jede Karriereplanung
Erik Stenzel hätte einen sicheren Job als Klimaschutzmanager haben können. Stattdessen folgte er der Erkenntnis, dass er als Künstler freier für seine Sache wirken kann als in einem Angestellten-Verhältnis. Ein klares Warum kann tragen, wo Sicherheit und Status es nicht können.
Mentale Klarheit als Musiker*in beginnt mit kleinen Routinen
Tagebuch schreiben, eine kurze Meditation, Zeit in der Natur, radikale Offline-Phasen im Winter – Eriks Strategien fürs eigene Wohlbefinden sind bewusst unspektakulär. Sie helfen ihm, sich nicht über das Musikersein zu identifizieren, sondern eine Verbindung zu sich selbst zu behalten.
Der Deep Dive
Künstlerin oder Dienstleisterin? Eine Frage, die du dir stellen solltest
Machst du das hier gerade, weil es aus dir herauswill – oder weil es gerade gefragt ist? Diese Frage klingt einfach, ist es aber nicht. Denn die ehrliche Antwort verändert, wie wir Musik machen, wem wir damit gefallen wollen und woran wir am Ende unseren Erfolg messen.
Erik Stenzel unterscheidet zwischen zwei Haltungen: Wer Musik macht, um eine Nachfrage zu bedienen – Tanzmusik, Trost-Schlager, das nächste virale Format – handelt nachfrageorientiert. Wer Musik macht, um etwas auszudrücken, das von innen kommt, ist Künstler*in. Beides ist legitim. Aber nur wer weiß, wo er gerade steht, kann bewusst entscheiden, welchem Zug er nachgibt.
Die meisten von uns starten gar nicht beim Künstler. Wir starten beim Gesehenwerden. Bühne, Applaus, das Gefühl, wichtig zu sein. Auch Erik beschreibt seine ersten Jahre so. Erst über Umwege – eine Auseinandersetzung mit der Klimakrise, eine wachsende Awareness über Ungerechtigkeit – verschiebt sich der Antrieb hin zu etwas, das er wirklich sagen will.
Vielleicht ist das der eigentliche Punkt: Die Frage "Künstlerin oder Dienstleisterin?" ist keine, die du einmal beantwortest und abhakst. Sie kehrt zurück – bei jedem neuen Song, jedem Booking-Angebot, jeder Anfrage, "doch mal was Kommerzielleres" zu machen. Wer sie sich trotzdem immer wieder stellt, bleibt handlungsfähig, statt in den Markt hineinzurutschen, ohne es zu merken.
Dein Warum trägt weiter als jede Karriereplanung
Was würdest du aufgeben, wenn du wüsstest, dass dein Warum stark genug ist, dich zu tragen? Die meisten von uns entscheiden sich für den sicheren Weg, bevor wir diese Frage überhaupt ernsthaft stellen. Ein fester Job, ein planbares Gehalt, eine Position, die sich auf dem Papier verantwortungsvoll und richtig anfühlt.
Erik Stenzel hätte genau diesen Weg gehen können. Nach seinem Master in Geografie mit Schwerpunkt Klimatologie hätte er z.B. eine Stelle als Klimaschutzmanager haben können – ein Job mit gesellschaftlicher Relevanz, zumindest auf dem Papier. Stattdessen entschied er sich für die Musik. Nicht, weil er den sicheren Weg verachtete, sondern weil er das Gefühl hatte, an einem Schreibtisch mit Excel wenig bewegen zu können – während er als Künstler frei genug wäre, seinen Beitrag zu leisten.
Diese Freiheit ist kein romantisches Konzept. Sie zeigt sich ganz konkret in seinem ersten Album: Die Songs entstanden fast mühelos, weil hinter jedem ein klares Warum stand. Nicht wirtschaftlicher Erfolg trieb ihn an, sondern das Gefühl, dass ein Song bei jemandem tatsächlich etwas auslösen könnte.
Ein starkes Warum ersetzt keine Karriereplanung – aber es trägt oft weiter als jede Planung allein. Es hält dich auch dann bei der Sache, wenn der Erfolg noch auf sich warten lässt, weil die Motivation nicht von außen kommt, sondern von innen. Die eigentliche Frage lautet also nicht "Was ist der sicherste Weg?", sondern: Wofür lohnt es sich für dich persönlich, das Unsichere in Kauf zu nehmen?
Kleine Routinen gegen die große Selbstidentifikation
Wer bist du, wenn du gerade kein Konzert spielst, kein Album promotest, kein Booking machst? Diese Frage klingt banal, bis man merkt, wie schwer sie tatsächlich zu beantworten ist. Denn je mehr unser Alltag aus Musik besteht, desto leichter verschwimmt die Grenze zwischen dem, was wir tun, und dem, wer wir sind.
Erik beschreibt sich selbst als zufriedenen Menschen, der immer wieder Phasen echten Glücks erlebt – vor allem dann, wenn es ihm gelingt, sich nicht zu stark über das Musikersein zu definieren. Seine Strategien dafür sind bewusst unspektakulär: Tagebuch am Morgen, eine halbe Stunde Spazierengehen, eine kurze Meditation – manchmal nur wenige Sekunden Gedankenstille, ausgelöst durch die einfache Frage, was wohl der nächste Gedanke sein wird. Dazu kommt viel Zeit in der Natur und einmal im Jahr ein radikaler Rückzug: mindestens ein Monat, ohne Handy, ohne Computer.
Auffällig ehrlich räumt er dabei auch eigene Grenzen ein: Es gelinge ihm noch nicht so gut wie anderen Künstler*innen, wirklich Persönliches in seine Texte fließen zu lassen – oft bleibe er zu sehr im Kopf hängen, obwohl er sich mehr Nähe zur eigenen Erfahrung wünschen würde.
Genau darin liegt vielleicht die eigentliche Übung: nicht perfekt zu sein in der Verbindung zu sich selbst, sondern dranzubleiben. Kleine, wiederholbare Routinen schaffen über Zeit das, was ein einzelner großer Erfolg nie schaffen kann – eine Stabilität, die nicht am nächsten Applaus hängt.
Drei Fragen zum Mitnehmen
1. Journal-Impuls: Schreib 10 Minuten frei zur folgenden Frage: "Hat mein musikalisches Dasein eine klarte intrinsische Motivation oder bediene ich eher nur einen Markt?"
2. Konkrete Übung: Nimm dir diese Woche jeden Tag bewusst 15 Minuten offline – ohne Handy, ohne Ablenkung – und beobachte, was in dieser Stille auftaucht. Besonders powerful ist das nach dem Aufwachen oder kurz vor dem Einschlafen!
3. Wenn du dein Tourleben so gestalten könntest, wie es wirklich zu deinen Werten passt – was würdest du ändern?
Es gibt viel zu entdecken!
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Im Backstage Wisdom Podcast sprechen wir mit Musikerinnen und Expertinnen über das Leben hinter der Bühne – ehrlich, tiefgründig und ohne einfache Antworten.
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