Nicht du spielst die Musik – die Musik spielt dich | Punnu Wasu
Backstage Wisdom Podcast • Folge 7
Musik fühlen statt nur beherrschen: Wie Hingabe, Präsenz und das Loslassen von Vergleichen zu mehr Freiheit und Freude führen
Was passiert, wenn ein Musiker aufhört, sich beweisen zu wollen – und seine Musik stattdessen als Akt der Hingabe begreift?
Punnu Wasu ist in Südindien aufgewachsen, in einer Familie, in der Musik, Yoga und Spiritualität schon immer zusammengehörten. Mit fünf Jahren schenkte ihm sein Vater sein erstes Harmonium, seitdem singt er Kirtan. Heute ist er Musiker, Sound Healer und Lehrer, leitet eine eigene Akademie und lebt in Bali und der Schweiz, wo er Menschen beibringt, aus der reinen Performance heraus- und in einen tieferen Flow hineinzufinden.
In Folge 7 des Backstage Wisdom Podcast geht es um den Unterschied zwischen Musik denken und Musik fühlen, darum, warum reines Können noch nie gereicht hat, um wirklich zu berühren, und um eine Falle, in die vermutlich jede*r MusikerIn schon mal getappt ist: der ständige Vergleich mit anderen. Punnu erklärt außerdem, warum Meditation für ihn keine zusätzliche Übung im ohnehin vollen Musikerleben ist, sondern eher das Gegenteil – etwas, das Last nimmt. Und er wirft eine Idee in den Raum, die das ganze Bild vom "Musizieren" kippt: Vielleicht machen wir die Musik gar nicht. Vielleicht lässt sie sich nur durch uns hindurch spielen.
🎧Hier kannst du die komplette Backstage Wisdom Podcastfolge direkt ansehen. 🇳🇿 Diese Folge ist auf Englisch.
«Your body, your mind, your voice — everything is the instrument, and it is being played by music.»
— Punnu Wasu, Musiker und Sound Healer
Key Takeaways
Hör auf, deine Musik zu denken
Technik gibt dir Halt, aber oft auch nicht mehr. Punnu nennt das offen "thinking music" – und meint damit genau den Zustand, in dem man zwar alles richtig spielt, aber nichts davon ankommt. Probier beim nächsten Üben oder Auftritt, die innere Frage zu tauschen: nicht "mache ich das gerade richtig?", sondern "was fühle ich gerade wirklich?". Genau da, wo das Können aufhört und das Fühlen anfängt, ist ein Sweet Spot, den jeder für sich entdecken kann.
Vergleiche dich nicht – lerne von den Besten
Dass andere besser spielen als man selbst, ist für Punnu kein Grund zur Entmutigung, sondern eine Einladung. Vergleich, sagt er, sei im Kern absurd – schließlich ist niemand wie du. Statt dich kleiner zu fühlen neben jemandem, der mehr kann, frag dich beim nächsten Mal: Was genau kann ich mir von dieser Person abschauen?
Eine kleine Praxis, die dich ins Jetzt holt
Meditation ist für Punnu kein zusätzlicher Termin im Kalender, sondern das, was den Druck rausnimmt, immer "liefern" zu müssen. Dafür braucht es kein stundenlanges Ritual – such dir eine kleine, wiederholbare Sache: ein paar Minuten Stille, ein Spaziergang, bewusstes Zähneputzen. Hauptsache, du bist wirklich präsent dabei.
Der Deep Dive
Hör auf, deine Musik zu "denken"
Wann hast du zuletzt etwas gespielt, ohne nebenbei zu checken, ob du's gerade richtig machst? Die wenigsten von uns können das wirklich. Wir lernen ein Instrument über Korrektur – falscher Ton, richtiger Ton, sauber, unsauber – und irgendwann läuft diese ständige Kontrolle so automatisch mit, dass wir sie gar nicht mehr bemerken. Sie wird zur stillen Standardeinstellung, durch die wir spielen, ohne es zu merken.
Punnu macht da einen klaren Schnitt: "There is a difference between when you think music and when you feel music." Können sei notwendig, sagt er – man muss tonsicher sein, rhythmisch exakt, usw. Aber wenn das alles ist, bleibt es "thinking music". Das Fühlen ist das, was aus denselben Noten etwas völlig anderes macht. Im Kirtan, erklärt er, sind beide Ebenen gleichzeitig da: Die jahrelange Übung verschwindet nicht, sie hört nur auf, der Punkt zu sein. Was dann passiert, ist keine Demonstration von Skill mehr – eher ein Geschenk, das wir mit uns selbst, unseren Mitmusikern und unserer Audience teilen.
Und genau hier wird es interessant: Das hat eigentlich wenig mit Kirtan oder indischer Musik zu tun. Es geht schlicht darum, wo deine Aufmerksamkeit ist, während du spielst. Thinking music heißt, sich selbst von außen zu beobachten. Feeling music heißt, wirklich drin zu sein, im Flow. Jede*r MusikerIn kennt vermutlich beides – den mühelosen Gig, der sich wie von selbst gespielt hat, und den technisch sauberen, der sich trotzdem hohl angefühlt hat. Der Unterschied liegt selten am Können. Er liegt daran, wo die Aufmerksamkeit gerade war.
"When the thinking and the feeling merges, it becomes an offering."
Vergleiche dich nicht – lerne von den Besten
Wer ist der- oder diejenige, an der du dich insgeheim misst? Fast jede*r hat so eine Person – jemanden, dessen Können die eigene Leistung im Vergleich kleiner wirken lässt. Punnu tut nicht so, als gäbe es dieses Gefühl nicht, er nennt es sogar als eine der größten Fallen im Musikerleben. Aber seine Antwort darauf ist nicht das übliche "hab einfach mehr Selbstbewusstsein" – es ist eine komplett andere Grundfrage.
"Comparison is just absurd. Nobody's like you. Nobody's like them." Der Vergleich steht also von vornherein auf wackligem Boden. Aber er geht noch weiter: Statt sich zu vergleichen, sucht er sich aktiv Musikerinnen, die besser sind als er. Nicht trotz des Unbehagens, das das auslösen kann, sondern genau deswegen – weil in ihrer Nähe etwas möglich wird, das allein nicht geht. Er will die besten Leute um sich haben, genau damit er selbst zu seinem besten Ausdruck findet. Interessant ist dabei seine Beobachtung aus der Szene: Manche vermeiden es bewusst, bessere Musikerinnen in ihre Projekte zu holen – aus Angst, unterzugehen. Sein Ansatz ist bewusst das Gegenteil.
Das funktioniert aber nur, wenn die innere Verschiebung wirklich passiert – wenn aus "wie stehe ich im Vergleich da?" ein "was kann ich hier mitnehmen?" wird. Derselbe Musiker, der aus der Distanz dein Selbstvertrauen angreifen kann, kann aus der Nähe genau dar sein, von dem du am meisten lernst – der einzige Unterschied ist, welche Frage du dir erlaubst zu stellen.
"I don't see myself separate from the other — because the other is me."
Finde eine kleine Praxis, die dich ins Jetzt holt
Was, wenn Meditation nichts ist, das du deinem Musikerleben zusätzlich aufbürdest, sondern etwas, das ihm Gewicht nimmt? Keine weitere Pflicht, die um deine ohnehin knappe Zeit konkurriert, sondern eher ein Bridge zurück zu dir selbst, auf der Bühne wie im Alltag.
Punnu trennt klar zwischen Technik und der eigentlichen Sache: "Meditation is a bridge that connects." Mit geschlossenen Augen still zu sitzen, sagt er, sei nur eine bekannte Methode – eine Technik, nicht Meditation an sich. Meditation ist für ihn eher ein durchgehender State: wirklich präsent zu sein mit dem, was gerade vor einem liegt, rund um die Uhr verfügbar, nicht auf ein Kissen oder eine bestimmte Minutenzahl begrenzt. Diese Umdeutung ist wichtig, denn sie heißt: Die Praxis beschränkt sich nicht auf die Stunde vor einem Konzert. Zähneputzen, ein Spaziergang, jemandem wirklich zuhören – all das kann zur Meditation werden, solange echte Awareness dabei ist.
Er spricht außerdem etwas an, das viele kennen dürften, ohne je Worte dafür gefunden zu haben: die Tendenz, nach einem Gig zur Party, zum Drink oder zu irgendetwas zu greifen, das den Comedown abfedert. Seine Meinung dazu ist ziemlich direkt – wenn die Musik selbst diese innere Sehnsucht nach Verbindung nicht gestillt hat, sucht man sich Ersatz. Eine kleine, aber stetige Praxis ist genau das, was diesen Kreislauf unterbricht, bevor er überhaupt beginnt.
"We have done singing for others. Now we sing for ourselves."
Drei Fragen zum Mitnehmen
1. Journal-Impuls: Schreib 10 Minuten frei zu der Frage: "Wo spiele ich gerade noch aus dem Kopf statt aus dem Gefühl?"
2. Übung: Wenn du dich das nächste Mal mit jemandem vergleichst, schreib eine konkrete Sache auf, die du von dieser Person tatsächlich lernen könntest.
3. Reflexionsfrage: Such dir einen kleinen, wiederkehrenden Moment im Alltag aus – ein Spaziergang, das Zähneputzen, ein paar Minuten Stille – und versuch, diese Woche ganz bewusst darin anzukommen.
Es gibt viel zu entdecken!
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Im Backstage Wisdom Podcast sprechen wir mit Musikerinnen und Expertinnen über das Leben hinter der Bühne – ehrlich, tiefgründig und ohne einfache Antworten.
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