Du bist mehr als deine Musik – Erkenntnisse aus 40 Jahren Musikerleben mit Ron Spielman & Steven Töteberg

Ron Spielman und Steven Töteberg zu Gast im Backstage Wisdom Podcast

Backstage Wisdom Podcast • Folge 2

Über Identität, Leistungsdruck und die Kunst, bei sich selbst zu bleiben

Was bleibt von einem Musiker, wenn Erfolg, Applaus oder sogar die Musik selbst plötzlich wegfallen? Vielleicht ist genau diese Frage eine der wichtigsten überhaupt – und gleichzeitig eine, der viele von uns lieber aus dem Weg gehen.

Ron Spielman ist Gitarrist, Sänger und Songwriter. Er hat unter seinem Namen mehr als 17 Alben veröffentlicht, tourt regelmäßig mit seiner Band und stand unter anderem mit Benny Greb, Beth Hart und Stevie Wonder auf der Bühne. Steven Töteberg ist Keyboarder, Sänger und Produzent. Er lebte und arbeitete viele Jahre in Afrika und Indien und wurde als Produzent des Debütalbums von Fury in the Slaughterhouse mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet.

Die beiden Musiker blicken auf mehr als vier Jahrzehnte Musikerleben zurück. Beide haben Erfolge gefeiert, Krisen erlebt und ihren ganz eigenen Weg als unabhängige Musiker gefunden. Im Backstage Wisdom Podcast erzählen sie offen von Burnout, Leistungsdruck, Selbstzweifeln und der Suche nach einem erfüllten Leben – auf und neben der Bühne.

Dabei geht es nicht um einfache Antworten oder Karrieretipps. Es geht um Identität, um die Beziehung zum eigenen Körper, um Achtsamkeit und um die Erkenntnis, dass wir als Musiker*innen weit mehr sind als unsere Leistung oder unser Erfolg. Ein zentrales Thema ist dabei die Alexander-Technik – eine Körperarbeit, die ihnen hilft, Spannung loszulassen und privat wie beruflich bewusster zu handeln. Eine tiefgehende Folge über das, was nach über 40 Jahren Berufserfahrung wirklich trägt – und was die beiden heute ihrem 20-jährigen Ich mit auf den Weg geben würden.

🎧 Du möchtest das ganze Gespräch hören? Hier kannst du die Backstage Wisdom Podcastfolge direkt anhören.
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«Das, was ich jetzt weiß, wäre eine Basis, von der aus man eigentlich anfangen könnte. Ich wünsche mir manchmal ein zweites Leben.»

Ron Spielman

Key Takeaways

Du bist mehr als deine Musik

Wenn dein Selbstwert ausschließlich vom musikalischen Erfolg abhängt, wird jede Absage zur persönlichen Krise. Ein erfülltes Musikerleben beginnt dort, wo Musik ein wichtiger Teil deiner Identität ist – aber niemals deine ganze Identität.

Kreativität braucht Raum – nicht permanenten Leistungsdruck

Die besten Ideen entstehen selten unter ständigem Druck. Wer lernt, Pausen zuzulassen, den eigenen Körper wahrzunehmen und bewusst innezuhalten, schafft die Grundlage für langfristige Kreativität und Gesundheit.

Das Leben passiert nicht erst nach dem nächsten Karriereschritt

Viele Musiker*innen verschieben Zufriedenheit auf später – nach dem Studium, nach der nächsten Tour oder dem großen Durchbruch. Doch das Leben findet immer jetzt statt. Wer lernt, den gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen, genießt nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg dorthin.

«Es muss möglich sein, frei zu leben – im Geist und im Körper.»

Steven Töteberg

Der Deep Dive

Du bist mehr als deine Musik

Wer bin ich eigentlich – falls ich einmal keine Musik mehr machen kann? Bei dieser vulnerablen Frage landeten wir im Backstage Wisdom Podcast überraschend schnell. Was zunächst wie ein Gedankenexperiment klingt, berührt einen wunden Punkt. Denn für viele von uns ist Musik weit mehr als ein Beruf oder ein Hobby. Sie wird zu einem Teil unserer Identität. Manchmal sogar zu unserer gesamten Identität.

Ron beschreibt Musik als etwas, das ihn immer wieder auffängt. Sie gibt seinem Leben Sinn, schenkt ihm Erfüllung und ist über viele Jahre zu einem inneren Zuhause geworden. Gleichzeitig erzählt er offen von der Frage, die ihn immer wieder beschäftigt: Was wäre, wenn ihm diese Möglichkeit eines Tages genommen würde? Durch Krankheit, einen Unfall oder einfach das Älterwerden. Anstatt diese Gedanken zu verdrängen, setzt er sich bewusst mit ihnen auseinander – nicht aus Angst, sondern weil er spürt, dass gerade darin eine wichtige Freiheit liegen kann.

Vielleicht kennen viele Musiker*innen genau dieses Gefühl. Ein gelungenes Konzert hebt uns in den Himmel, eine misslungene Probe oder eine Absage können uns tief verunsichern. Je stärker unser Selbstwert an musikalische Leistung gekoppelt ist, desto größer wird die emotionale Fallhöhe. Erfolg fühlt sich dann nicht mehr wie ein Geschenk an, sondern wie eine Voraussetzung dafür, sich selbst als wertvoll erleben zu dürfen.

Gerade deshalb ist einer der wichtigsten Gedanken dieser Podcastfolge so befreiend: Musik darf ein wesentlicher Teil unseres Lebens sein, ohne unser gesamtes Leben zu definieren. Wer sich auch außerhalb der Bühne als vollständiger Mensch erlebt – als Freund, Partner, Mutter, Vater, neugieriger Mensch oder einfach als jemand, der Freude am Leben hat –, gewinnt eine innere Stabilität, die keine Kritik, keine schlechte Rezension und kein ausgefallenes Konzert erschüttern kann.

Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe eines erfüllten Musikerlebens deshalb nicht darin, immer erfolgreicher zu werden. Sondern darin, immer freier zu werden. Frei von der Vorstellung, unseren Wert ständig beweisen zu müssen. Frei, Musik aus Liebe zu machen und nicht aus der Angst heraus, ohne sie nicht genug zu sein. Genau darin liegt eine der stärksten Botschaften dieses Gesprächs – und vielleicht auch ein Gedanke, den wir unserem 20-jährigen Ich alle gerne früher mitgegeben hätten.

Vielleicht ist das sogar die größte Botschaft dieser Folge. Erfolg darf ein wunderbares Ergebnis unserer Arbeit sein. Er sollte jedoch niemals darüber entscheiden, wie wertvoll wir uns als Mensch oder als Musiker*in fühlen. Denn genau diese innere Unabhängigkeit schafft die Freiheit, Musik langfristig mit Freude, Neugier und Leidenschaft zu machen – unabhängig davon, wie groß die Bühne gerade ist.

Große Bühnen und bekannte Namen können Türen öffnen – langfristige Zufriedenheit entsteht jedoch erst, wenn Musik nicht die einzige Quelle des eigenen Glücks ist und das Leben hinter der Bühne auf einem gesunden Fundament steht.

Kreativität braucht Raum – nicht permanenten Leistungsdruck

Ein Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch das Gespräch mit Ron Spielman und Steven Töteberg: Die größten Hürden entstehen oft nicht durch mangelndes Talent, sondern durch den Druck, den wir uns selbst machen. Beide sprechen offen darüber, wie hohe Ansprüche, permanente Selbstbewertung und der Wunsch, immer besser werden zu müssen, über viele Jahre ihr Musikerleben geprägt haben. Nicht als Ausnahme – sondern als etwas, das in unserer Branche fast schon normal geworden ist.

Ron beschreibt eindrucksvoll, wie sich dieser Druck körperlich bemerkbar macht. Während ein Stück im Proberaum noch mühelos gelingt, fühlt sich dieselbe Passage auf der Bühne plötzlich schwer an. Nicht, weil sich die musikalischen Fähigkeiten verändert hätten, sondern weil Erwartungen, Selbstzweifel und Anspannung den Körper beeinflussen. Die Hände werden fester, der Atem flacher, Bewegungen verlieren ihre Leichtigkeit. Die Musik wird dadurch nicht schlechter, weil wir zu wenig geübt hätten – sondern weil wir versuchen, etwas kontrollieren zu wollen, das sich oft gerade der Kontrolle entzieht.

Ein wichtiger Wendepunkt war für beide die Alexandertechnik. Weniger als Methode, sondern vielmehr als Einladung, die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen. Nicht sofort reagieren. Nicht automatisch mehr machen. Sondern einen kurzen Moment innehalten. Genau in diesem kleinen Raum zwischen Reiz und Reaktion entsteht die Möglichkeit, anders zu handeln. Vielleicht langsamer. Vielleicht bewusster. Vielleicht sogar mit weniger Anstrengung und gleichzeitig größerer Präsenz.

Gerade Musiker*innen fällt das oft schwer. Wir wachsen mit dem Glaubenssatz auf, dass Fortschritt vor allem durch mehr Üben, mehr Disziplin und mehr Leistung entsteht. Natürlich braucht musikalische Entwicklung Einsatz und Ausdauer. Doch Kreativität folgt eigenen Regeln. Sie lässt sich nicht erzwingen. Oft entstehen die besten Ideen genau dann, wenn wir einen Schritt zurücktreten, dem Körper vertrauen und aufhören, jeden Moment optimieren zu wollen.

Vielleicht liegt darin eine der schönsten Erkenntnisse dieser Folge: Weniger Druck bedeutet nicht weniger Leidenschaft. Im Gegenteil. Erst wenn wir den ständigen Kampf gegen uns selbst etwas lockern, entsteht Raum für das, was Musik im Kern eigentlich ausmacht – Neugier, Ausdruck, Hingabe, Freude. Und vielleicht beginnt genau dort nicht nur Musik, die wirklich berührt, sondern auch ein gesünderes Musikerleben.

Das Leben wartet nicht auf den nächsten Karriereschritt

Eine Frage zieht sich leise durch das gesamte Gespräch: Warum verschieben wir so oft das Leben auf später? Viele Musiker*innen kennen diesen Gedanken. Erst nach dem Studium. Erst nach der nächsten Tour. Erst wenn das Album veröffentlicht ist. Erst wenn endlich der große Durchbruch gelingt. Unbewusst entsteht die Vorstellung, dass Zufriedenheit etwas ist, das wir uns irgendwann verdienen müssen. Doch genau dieses „Irgendwann“ kann zu einer Falle werden.

Steven beschreibt sehr eindrücklich, wie sehr wir in unserer westlichen Gesellschaft darauf geprägt sind, ständig zu machen, zu leisten und den nächsten Schritt zu planen. Innezuhalten lernen wir dagegen kaum. Dabei sind es oft genau diese ruhigen Momente, in denen wir wieder spüren, was uns wirklich wichtig ist. Nicht auf der Bühne, sondern morgens nach dem Aufwachen. Auf einem Spaziergang. Nach einem Konzert. Oder manchmal sogar auf einer Beerdigung, wenn das Leben plötzlich in einem anderen Licht erscheint. Gerade diese Beispiele machen das Gespräch so besonders, weil sie weit über das Musikerleben hinausweisen und universelle Fragen berühren.

Vielleicht liegt eine der größten Illusionen darin zu glauben, dass das große Glück am Ende einer erfolgreichen Karriere auf uns wartet. Natürlich dürfen wir Ziele haben. Sie geben unserem Leben Richtung und können eine starke Motivation sein. Doch wenn wir ausschließlich auf den nächsten Meilenstein fokussiert sind, verpassen wir leicht das, was heute bereits da ist: die Freude am gemeinsamen Musizieren, einen gelungenen Probentag, ein berührendes Gespräch nach dem Konzert oder einfach das Gefühl, genau am richtigen Platz zu sein. Das Leben spielt sich nicht zwischen zwei Erfolgen ab – es spielt sich genau jetzt ab.

Genau deshalb wirkt die Frage nach dem 20-jährigen Ich so kraftvoll. Wahrscheinlich würden weder Ron noch Steven ihrem jüngeren Ich raten, weniger zu träumen oder kleinere Ziele zu verfolgen. Vielmehr würden sie ihm mitgeben, sich selbst auf diesem Weg nicht zu verlieren. Denn vielleicht ist ein erfülltes Musikerleben gar kein Ziel, das wir eines Tages erreichen. Vielleicht ist es eine Haltung, die wir jeden Tag aufs Neue einüben dürfen – mit etwas mehr Gelassenheit, etwas weniger Perfektionismus und dem Vertrauen, dass wir auch dann genug sind, wenn gerade nicht alles perfekt läuft.

Drei Fragen zum Mitnehmen

1. Wer bist du als Mensch, wenn deine Musik für einen Moment keine Rolle spielt? Welche Eigenschaften, Beziehungen oder Werte machen dich unabhängig von deiner Rolle als Musiker*in aus?

2. Beobachte dich in den nächsten Tagen einmal bewusst: In welchem Moment setzt du dich selbst am meisten unter Druck? Könntest du stattdessen einfach einen kurzen Moment innehalten?

3. Wenn dein 20-jähriges Ich heute vor dir sitzen würde: Welchen einen Gedanken würdest du ihm mit auf den Weg geben?

Es gibt viel zu entdecken!

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Im Backstage Wisdom Podcast sprechen wir mit Musikerinnen und Expertinnen über das Leben hinter der Bühne – ehrlich, tiefgründig und ohne einfache Antworten.

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