Song-Release allein reicht nicht mehr: Godfrey de Grut über Perfektionismus, Kritik und die Menschen hinter der Musik
Backstage Wisdom Podcast • Folge 8
Erst der Award, dann das Aus: Was Godfrey de Grut nach Jahrzehnten im Musikgeschäft über Druck, Loslassen und Zusammenhalt gelernt hat
Der Song ist fast fertig. Eigentlich ist er schon richtig gut, nur ein Detail stört noch. Also schraubst du weiter, wartest noch einen Monat und sagst dir: Wenn er wirklich so weit ist, kommt er raus. Und im Endeffekt wird ihn niemals jemand hören.
Godfrey de Grut kennt das aus eigener Erfahrung. Er ist seit Jahrzehnten Profimusiker in Neuseeland, spielt Saxofon und Keyboard, schreibt Songs, arrangiert und unterrichtet, quer durch Jazz, Hip-Hop und Pop. Heute begleitet er an einer Uni in Auckland junge Songwriter*innen und sieht aus nächster Nähe, was sich verändert hat: Musikindustrie, Social Media, Ausbildung, KI.
Im Gespräch mit Marco geht es weniger um den Weg nach oben als um die Frage, was bleibt, wenn man schon lange dabei ist. Godfrey erzählt, wie seine erste Band an einem Award und dem Druck danach zerbrach, warum Kritik an eigenen Songs so persönlich ist und wie wir besser damit klarkommen. Außerdem: Warum reicht Veröffentlichen heute nicht mehr und warum brauchen wir gerade jetzt dringed andere Musikerinnen und gute Mentorinnen?
🎧Hier kannst du die komplette Backstage Wisdom Podcastfolge direkt ansehen. 🇳🇿 Diese Folge ist auf Englisch.
«They have something that I will never have, but together we make something really special that neither of us can do independently.»
— Godfrey de Grut, Musiker und Dozent aus Aukland, Neuseeland
Key Takeaways
Gut genug ist gut genug: Perfektionismus bremst deine Musik aus
Wer einen Song zurückhält, bis er perfekt ist, macht ihn selten besser, verliert aber Momentum, manchmal sogar Mitmusiker*innen. Setz dir ein Release-Datum, bevor du anfängst zu feilen. Wenn er sich gut anfühlt, ist er bereit.
Nicht jede Reaktion ist ein Urteil über dich
Wenn ein Song sich anfühlt wie ein eigenes Kind, trifft dich jede halbherzige Reaktion mitten ins Herz. Hilfreicher als die Frage “Hat es gefallen?” ist deshalb eine andere: “Habe ich mir wirklich Gedanken gemacht, was ich aussagen möchte?” Denn was ein, zwei Leute sagen, ist nur eine Stimme von vielen und sagt nichts darüber, was deine Musik wert ist.
Raus damit reicht nicht: Ohne Menschen verhallt jeder Release
Wenn täglich rund 100.000 Songs erscheinen, geht ein Release ohne Publikum schlicht unter. Dran bleibst du, wenn du Menschen Schritt für Schritt auf deine Reise mitnimmst und dir Mitmusiker*innen suchst, die genau das mitbringen, was dir fehlt.
Der Deep Dive
Wie viele fast fertige Songs warten bei dir gerade darauf, endlich “so weit” zu sein?
Perfektionismus fühlt sich an wie Sorgfalt, wirkt aber oft wie eine Handbremse. Der Song ist beinahe richtig, also wird noch mal nachgeschliffen. Aus Wochen werden Monate, die Begeisterung kühlt ab, und irgendwann ist der Moment vorbei.
Selbst Bands können daran zerbrechen. Godfreys erste Band war Award-Winner, und plötzlich stand das Follow-up unter Dauerdruck: größer, internationaler, besser. Jede*r hatte eine leicht andere Vorstellung davon, wie das zweite Album klingen sollte. Man hielt Musik zurück, diskutierte, stritt, und am Ende gab es die Platte nie. Später ging es ihm mit eigenen Songs ähnlich. Wer zu lange wartet, verliert den Schwung, denn “nothing will be as good as what you think it should be.”
Das Tückische: Perfektionismus vergleicht deinen echten Song mit einem Idealbild im Kopf, und gegen das hat jeder echte Song verloren. Dabei ist jeder unveröffentlichte Song auch ein verpasster Lernmoment. “If you’re too precious with it, you don’t release enough.”
Warum Kritik so wehtut – und was hilft
Warum sitzt eine einzige halbherzige Reaktion manchmal tagelang im Kopf? Weil Songs für die meisten von uns kein Produkt sind, sondern etwas sehr Eigenes: “They’re my babies.”, sagt Godfrey. Sie sind aus unserem Denken und Können entstanden. Wenn jemand unbeeindruckt wirkt, klingt das schnell wie ein Beweis, dass wir doch nicht so gut sind wie gedacht.
Godfrey hat sich als Dozent angewöhnt, anders zu bewerten: nicht das Ergebnis, sondern den Prozess. Hast du deine Idee recherchiert? Hast du sie mit den Menschen getestet, für die sie gemacht ist? Eine zweite Version ausprobiert, mit längerem Refrain oder anderer Perspektive in den Lyrics? Geschmack lässt sich nicht objektiv beurteilen, ein sauberer Prozess schon. Und er lässt sich verbessern.
Dasselbe gilt für Feedback von außen. “That data set of one person or two people is not important.” Hör auf Menschen, die mehr wissen als du, aber übernimm Ratschläge nie eins zu eins. Am Ende zählt, was dein Bauchgefühl sagt. Und ein schlechter Abend auf der Bühne macht dich nicht zu einem schlechteren Menschen.
Musik lebt von Menschen
Wenn jede*r in fünf Minuten einen Song hochladen kann, wer hört dann noch hin? Früher war Veröffentlichen teuer und schwer, die Hürde hat aussortiert. Heute gibt es sie nicht mehr, und das Problem ist umgekehrt: Rund 100.000 Songs kommen jeden Tag raus. “If you haven’t got an audience, there’s no point in releasing music.”
Damit gehört mehr zum Job als Musik machen: Beziehungen zu den Menschen aufbauen, die sich dafür interessieren könnten. Live spielen, auf YouTube regelmäßig auftauchen, Work in Progress zeigen, um Feedback bitten. Menschen mögen die Geschichte von jemandem, der gerade losgeht, und viele wollen von Anfang an dabei sein.
Auch unter Musikerinnen gilt das. Mit KI-Tools und Software wirkt es manchmal, als bräuchte man niemanden mehr. Aber die Musik, die uns am tiefsten berührt, ist selten im Alleingang entstanden. Sie kam aus Bands, von Mentorinnen, von Menschen im Hintergrund mit ehrlichem Feedback. “Humans respond to the humanity in music.” Die besten Zusammenarbeiten funktionieren oft so: genug Überschneidung für dieselbe musikalische Sprache, genug Unterschied, damit jede*r etwas einbringt, das der oder dem anderen fehlt. Und dort, im gemeinsamen Spielen, Reisen und Teilen, war Godfrey nach eigener Aussage auch am glücklichsten.
Drei Fragen zum Mitnehmen
1. Release-Übung: Such dir einen “gut genug”-Song aus und leg ein Datum fest, wann du ihn releasen willst. Und wenn der Tag kommt: raus damit, und lass ihn sein eigenes Leben führen.
2. Prozess-Check: Bevor du jemandem den nächsten Song zeigst, beantworte drei Fragen für dich: Was wollte ich sagen? Für wen ist er? Was habe ich unterwegs probiert und wieder verworfen? Das ist dein eigener Maßstab für “fertig”.
3. Reach-out: Denk an jemanden, der genau das kann, was du nicht kannst, und kontaktiere sie oder ihn diese Woche. Nicht für einen Gefallen, sondern für eine Jamsession, einen Co-Write oder einen simplen Austausch darüber, woran ihr gerade arbeitet.
Es gibt viel zu entdecken!
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