Den eigenen musikalischen Weg kann man nicht planen – nur gehen | Christine Börsch-Supan & Phillip Staffa
Backstage Wisdom Podcast • Folge 4
Warum der eigene Weg selten geradlinig verläuft – und genau darin die Stärke liegt
Wie findet man den eigenen Weg als Musiker*in – in einer Welt voller Erwartungen, Möglichkeiten und vermeintlich richtiger Entscheidungen?
In dieser Folge von Backstage Wisdom spricht Marco mit Christine Börsch-Supan und Phillip Staffa – Sängerin und Gitarrist der Band Hope. Gemeinsam blicken sie auf ihren Weg vom Musikstudium über drei Alben bis hin zu Konzerten als Support von Depeche Mode.
Doch schnell wird deutlich, dass dieses Gespräch von etwas viel Grundsätzlicherem handelt. Es geht um den Mut, der eigenen Intuition zu vertrauen, darum, wie kreative Zusammenarbeit wirklich gelingt, und um die Frage, warum ein erfülltes Musikerleben vielleicht weniger mit dem Erreichen bestimmter Ziele zu tun hat als mit der Haltung, die wir auf dem Weg dorthin entwickeln.
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«Ich wünsche mir total anzukommen. Gleichzeitig wünsche ich mir überhaupt nicht anzukommen.»
— Phillip Staffa, Gitarrist der Band Hope
Key Takeaways
Dem eigenen inneren Kompass zu vertrauen ist wichtiger, als den perfekten Karriereplan zu verfolgen
Die prägendsten Entscheidungen eines Musikerlebens entstehen nicht immer aus Logik oder Sicherheit. Oft beginnt der eigene Weg mit einer leisen Intuition – einem Gefühl, das sich erst im Rückblick vollständig verstehen lässt.
Wirklich kreative Zusammenarbeit beginnt dort, wo das gemeinsame Ergebnis wichtiger wird als das eigene Ego
Die stärksten Ideen entstehen oft nicht durch Kontrolle oder Durchsetzungsvermögen, sondern durch Vertrauen, Offenheit und die Bereitschaft, die eigene Perspektive immer wieder loszulassen
Ein erfülltes Musikerleben entsteht nicht dadurch, dass wir irgendwann ankommen – sondern dadurch, dass wir lernen, Veränderung zu vertrauen
Wirkliche Zufriedenheit beginnt dort, wo wir aufhören, unser Glück an den nächsten Karriereschritt zu knüpfen. Stattdessen wächst sie mit der Fähigkeit, den eigenen Weg immer wieder neu auszurichten, ohne die Verbindung zu sich selbst zu verlieren.
«Selbst wenn ich in dem Moment anfange zu heulen – merke ich, dass das stimmt.»
— Christine Börsch-Supan, Sängerin der Band Hope
Der Deep Dive
Warum wir den eigenen Weg selten logisch erklären können
Viele Musiker*innen verbringen Jahre damit, nach einem klaren Plan für ihre Karriere zu suchen. Welche Ausbildung ist die richtige? Welches Genre hat Zukunft? Sollte ich mich spezialisieren oder möglichst vielseitig bleiben? Hinter all diesen Fragen steckt oft die Hoffnung, irgendwann absolute Sicherheit zu finden.
Doch vielleicht funktioniert ein kreatives Leben grundsätzlich anders.
Im Gespräch mit Marco beschreiben Christine Börsch-Supan und Phillip Staffa etwas, das sich kaum in Karrierepläne übersetzen lässt. Beide sprechen von einem inneren "Zug" – einem Gefühl, das sie immer wieder in eine bestimmte Richtung geführt hat, obwohl sie diesen Weg damals weder logisch erklären noch vollständig begründen konnten.
Gerade darin liegt eine spannende Erkenntnis. Die wichtigsten Entscheidungen unseres Lebens entstehen nicht immer aus einer perfekten Analyse. Oft beginnen sie mit einer leisen Neugier, einer Faszination oder dem Gefühl, dass etwas einfach stimmig ist.
Das bedeutet natürlich nicht, jede spontane Eingebung ungeprüft umzusetzen. Intuition ersetzt keine Vorbereitung, kein Handwerk und keine Ausdauer. Sie kann jedoch ein Kompass sein – besonders in kreativen Berufen, in denen es selten nur einen richtigen Weg gibt.
Vielleicht kennen viele Musiker*innen genau dieses Spannungsfeld. Von außen hören wir gut gemeinte Ratschläge, gesellschaftliche Erwartungen oder Vorstellungen davon, wie eine erfolgreiche Karriere aussehen sollte. Gleichzeitig gibt es diese leise innere Stimme, die manchmal in eine ganz andere Richtung zeigt. Je lauter das Außen wird, desto schwieriger wird es allerdings, sie überhaupt noch wahrzunehmen.
Christine beschreibt sehr ehrlich, dass sie zunächst sogar ein anderes Studium begann, weil die Widerstände gegen ein Musikstudium zu groß waren. Erst mit etwas Abstand wurde ihr klar, dass dieser innere Wunsch nicht verschwand – und genau deshalb ernst genommen werden wollte.
Vielleicht ist das eine der schwierigsten Aufgaben eines Musikerlebens: nicht ständig neue Antworten im Außen zu suchen, sondern immer wieder zu lernen, der eigenen inneren Richtung zu vertrauen. Denn der eigene Weg fühlt sich selten von Anfang an wie ein fertiger Plan an. Meist beginnt er mit einem Gefühl, das sich erst viele Jahre später wirklich verstehen lässt.
Große Kunst entsteht selten allein
Musik gilt oft als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass die besten Ideen auch die sind, an denen wir am stärksten festhalten. Wer einen Song schreibt, ein Arrangement entwickelt oder eine Vision für ein Projekt hat, verbindet damit häufig einen Teil der eigenen Identität. Umso schwieriger wird es, diese Idee wieder loszulassen.
Gerade in kreativen Teams zeigt sich jedoch ein spannendes Paradox: Je stärker jede*r versucht, die eigene Vorstellung durchzusetzen, desto weniger Raum bleibt für etwas Neues. Zusammenarbeit bedeutet deshalb nicht, dass alle dieselbe Meinung haben. Sie bedeutet, gemeinsam einen Ort zu schaffen, an dem unterschiedliche Ideen aufeinandertreffen dürfen – ohne dass jede davon gewinnen muss.
Im Gespräch mit Marco beschreiben Christine Börsch-Supan und Phillip Staffa genau diesen Prozess. Über viele Jahre haben sie gelernt, dass gute Musik nicht zwangsläufig aus der stärksten Einzelidee entsteht. Manchmal zeigt sich erst im gemeinsamen Ausprobieren, welche Richtung sich für die Band wirklich stimmig anfühlt. Das kann bedeuten, dass eine Idee, die einer Person besonders am Herzen liegt, wieder verworfen wird – nicht weil sie schlecht ist, sondern weil sie dem gemeinsamen Ganzen nicht dient.
Dafür braucht es Vertrauen. Vertrauen darauf, dass Kritik nicht automatisch Ablehnung bedeutet. Vertrauen darauf, dass eine andere Perspektive das eigene Denken bereichern kann. Und vielleicht vor allem Vertrauen darauf, dass der Wert eines kreativen Beitrags nicht davon abhängt, ob er am Ende umgesetzt wird.
Diese Haltung ist alles andere als selbstverständlich. In einer Branche, die oft von Konkurrenz, Leistungsdenken und Individualität geprägt ist, fällt es leicht, Kreativität mit Selbstbehauptung zu verwechseln. Doch gerade langfristige Projekte leben selten von starken Einzelkämpfer*innen. Sie leben von Menschen, die zuhören können, unterschiedliche Sichtweisen zulassen und gemeinsam nach einer Lösung suchen, die größer ist als die Summe ihrer einzelnen Ideen.
Vielleicht ist das eine der wertvollsten Erkenntnisse dieser Folge: Wirklich kreative Zusammenarbeit bedeutet nicht, das eigene Ego aufzugeben. Sie bedeutet, es immer wieder einen Schritt zurücktreten zu lassen – damit etwas entstehen kann, das allein niemals möglich gewesen wäre.
Ein erfülltes Musikerleben bedeutet nicht, anzukommen
Kaum ein Gedanke begleitet Musiker*innen so hartnäckig wie dieser. Wenn das Studium abgeschlossen ist. Wenn endlich genug Auftritte kommen. Wenn das Album veröffentlicht wird. Wenn ich von der Musik leben kann. Oder wenn ich einmal auf genau dieser Bühne stehe.
Solche Ziele können unglaublich motivierend sein. Sie geben Orientierung und helfen uns, schwierige Phasen durchzustehen. Gleichzeitig bergen sie eine Gefahr: Sie verschieben Zufriedenheit immer weiter in die Zukunft. Kaum ist ein Ziel erreicht, taucht meist schon das nächste auf.
Genau deshalb lohnt es sich, die eigene Vorstellung von „Ankommen“ immer wieder zu hinterfragen. Denn ein Musikerleben lässt sich nicht wie eine Checkliste abhaken. Es entwickelt sich ständig weiter – mit jeder Begegnung, jedem Projekt und jeder persönlichen Veränderung. Was sich mit zwanzig wie der größte Traum anfühlt, muss mit vierzig nicht mehr dieselbe Bedeutung haben. Und genau darin liegt nichts Falsches. Im Gegenteil: Es zeigt, dass wir uns weiterentwickeln.
Diese Offenheit wird auch im Gespräch zwischen Marco, Christine Börsch-Supan und Phillip Staffa im Backstage Wisdom Podcast spürbar. Beide sprechen darüber, dass sich ihre Wünsche und Prioritäten im Laufe der Jahre verändert haben. Besonders berührend ist dabei Christines Gedanke, dass sie sich einerseits wünscht, anzukommen – und gleichzeitig gar nicht endgültig ankommen möchte. Denn Entwicklung bedeutet auch, offen zu bleiben für neue Erfahrungen, neue Fragen und neue Richtungen. Statt nach einem endgültigen Ziel zu suchen, wächst in ihr zunehmend der Wunsch, dem eigenen Weg zu vertrauen. Nicht weil plötzlich alles sicher wäre, sondern weil Vertrauen auch dann tragen kann, wenn sich das Leben verändert. Genau darin scheint eine Form des Ankommens zu liegen, die nicht von äußeren Umständen abhängt.
Vielleicht ist das eine der befreiendsten Erkenntnisse dieser Folge. Ein erfülltes Musikerleben beginnt nicht erst nach dem nächsten Karriereschritt. Es entsteht immer wieder im Hier und Jetzt – wenn wir lernen, die eigenen Ziele bewusst zu wählen, Veränderungen zuzulassen und uns nicht ausschließlich darüber zu definieren, was wir bereits erreicht haben.
Denn vielleicht wartet das eigentliche Ankommen gar nicht am Ende des Weges. Vielleicht wächst es mit jedem Schritt, den wir in Verbindung mit uns selbst gehen.
Das kann zunächst verunsichern. Schließlich vermittelt uns die Musikbranche oft das Gegenteil. Wir sollen möglichst konsequent sein, eine klare Richtung verfolgen und uns eindeutig positionieren. Doch vielleicht ist Beständigkeit gar nicht das Gleiche wie Unveränderlichkeit. Vielleicht bedeutet Beständigkeit vielmehr, immer wieder zu prüfen, ob der eingeschlagene Weg noch zu dem Menschen passt, der wir heute sind.
Drei Fragen zum Mitnehmen
1. Welchem inneren Impuls vertraust du gerade noch nicht?
→ Schreibe den ersten kleinen Schritt auf, den du diese Woche gehen kannst.
2. Wo darf in deiner nächsten Zusammenarbeit das gemeinsame Ergebnis wichtiger sein als dein Ego?
→ Nimm dir vor, beim nächsten Mal bewusst Anderen mehr zuzuhören.
3. Woran misst du deinen Erfolg gerade?
→ Ersetze einen äußeren Maßstab (z. B. Auftritte, Reichweite oder Anerkennung) durch einen, den du selbst beeinflussen kannst (z. B. kreative Zeit, Freude oder Weiterentwicklung).
Es gibt viel zu entdecken!
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Im Backstage Wisdom Podcast sprechen wir mit Musikerinnen und Expertinnen über das Leben hinter der Bühne – ehrlich, tiefgründig und ohne einfache Antworten.
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